1. Mai – Gedenken an die Punk-Szene

Jaja, früher war alles besser. Da kommt am ersten Mai wieder Nostalgie auf. Die Toten Hosen hatten mit ihrem Song nicht Unrecht. Von wegen Ideale und so. Von denen ist wenig übrig geblieben. Der Hauptgrund, warum ich mich aus der Szene weitestgehend verabschiedet habe. Früher war einfach alles besser :-(

Früher, da war doch was. Damals, als die Punks noch wussten, was sie wollten. Da gab es noch Ziele. Beispielsweise ein Umdenken in der Gesellschaft. Selbst wenn es nur die Änderung der Staatsform in eine andere (Anarchie zähle ich definitiv nicht als Staatsform) war, war es doch ein Ziel. Aber das Hauptsächliche war wohl das Umdenken in der Gesellschaft. Damals ist man dafür auch doch auf die Straßen gegangen, hat sich mit der Polizei angelegt, im Ernstfall sogar verhaften lassen. Heute gibt’s zwar noch eine komische, sogenannte Punk-Szene, von Idealen und Zielen ist aber wenig übrig geblieben.

Blick nach heute. Was haben wir? Sozial abgestiegene oder solche, die (aus Faulheit) nie irgendwas erreicht haben. Wenn man die nach den Gründen, aus denen sie sich der Punk-Szene angeschlossen haben, fragt, und sie ausnahmsweise mal wenigstens halbwegs nüchtern antrifft, kommt als Antwort sicherlich etwas in der Art, ‚Alles Scheiße, Anarchie!‘. Wen haben wir noch? Den Modepunk. Zeichnet sich meist dadurch aus, dass er etwa 12 bis 16 ist, sich seinen Iro gefärbt hat und ihn mit Gel stellt, einer der Klamotten trägt, die zwar nach der Szene aussehen, aber von Marken kommen, die sich die ursprüngliche Szene nie geleistet hätte. Was sagt der auf die Frage? ‚Weil’s in ist.‘ oder ‚Weil meine Freunde auch Punkt sind.‘ oder, im Regelfall, ‚Weil Anarchie geil ist!‘. Das waren dann die beiden Hauptgruppen. Daneben gibt’s noch eine Gruppe, die nie eine vernünftige Antwort artikulieren könnte, weil sie einfach permanent besoffen ist und sich mit dem Zustand und ihrer Bekleidung zum Punk zugehörig definiert.

Punk ist eine Einstellung geworden, die nur soziale Verlierer oder Mitläufer annehmen.

Interessant – oder traurig – ist auch, dass man sich mit all denen – außer der letzten Gruppe natürlich – über ihre Ideale und Ziele unterhalten kann. Das Gespräch wird kurzweilig. Die haben keine. Jedenfalls können sie keine benennen. Punk zu sein, scheint einfach nur noch eine Sache der Coolness zu sein. Traurige Entwicklung.

Ach so, die letzte Gruppe haben wir vergessen. Das ist die, die man kaum noch als Punk erkennt. Bei denen hört man es erst raus, wenn man mit ihnen redet. Das sind die, die vor einigen Jahren beschlossen haben, dass sie ihre Ideale und Ziele nicht mehr mit Iro verfolgen wollen, weil der Iro nebst imageträchtiger Bekleidung mittlerweile eine neue Gruppenzugehörigkeit suggeriert. Heute erkennt man sie nur noch, wenn man die geringen Abweichungen vom Mainstream richtig deutet. Da ist einer, der hat noch einen richtigen Iro. Ansonsten sieht er relativ normal aus. Wechselt man ein Wort mit ihm, erkennt man, was dahinter steckt. Oder der, der eine verranzte Hose nebst Chucks trägt. Auch hier ein Wort, schon ist er ‚entlarvt‘. Beim Wortwechsel kommt dann auch schnell das Thema Ziele und Ideale zur Sprache und die Betroffenen lassen schnell durchblicken, dass sie sich irgendwie nach der alten Zeit sehnen, als noch klar war, was der Gegenüber denkt, wenn er einen roten Iro trägt.. oder eine Jacke mit Exploited-Aufnäher auf dem Rücken. Die alten Hausbesetzer, die noch Geschichten erzählen können. Geschichten von früher, als noch alles besser war.


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