NoseRub – Meine ersten Gehversuche mit dezentralen sozialen Netzwerken

Nachdem ich vorgestern mal wieder eine re:publica-Review-Session gemacht habe (Dank an Markus für die Bereitstellung der Videostreams), bin ich im Panel „Die Zukunft der Social Networks“ auf ein interessantes, mir überraschenderweise bislang noch unbekanntes, Projekt von Dirk Olbertz gestoßen. Dabei handelt es sich um NoseRub, mit dem ein Ansatz für dezentrale soziale Netzwerke entwickelt wurde und weiter entwickelt wird. Das klang für mich dann so interessant, dass ich mich gestern gleich daran gemacht habe, ohne großes Vorwissen NoseRub auf meinem Server zu installieren. Nach erfolgreicher – zugegebenermaßen teilweise etwas komplizierterer – Installation, stand ich dann aber wie der sprichwörtliche Ochs vorm Berg. Gut, ich konnte mein Profil anlegen, das sah auch ganz nett aus, aber von einem Social Network konnte ich nicht viel finden. Also doch recherchieren und in die Materie einlesen.

An dieser Stelle mal ein kurzer Rundumschlag über das System: Erste Anlaufstelle war mal wieder Basic Thinking. Erkenntnis: NoseRub liegt meinem bisherigen Bild von sozialen Netzwerken – maßgeblich durch StudiVZ geprägt – wesentlich ferner, als ich erwartet hatte. Es ist so konzipiert, dass ich erstmal lediglich mein Profil hoste; soll heißen, die Informationen zu meiner Person. Gruppen, serverübergreifende Suche nach Personen, direkt über NoseRub Content erstellen, all das kennt NoseRub nicht; teilweise noch nicht. Dafür hat es aber einen anderen interessanten Ansatz, denn der Content wird über ausgelagerte Systeme bereitgestellt, so wie man das sowieso schon macht. Fotos beispielsweise bei Flickr, Text in Blogs oder per Twitter, Videos über YouTube und Links mit del.icio.us. Ich gehe dann in meinem NoseRub-Profil einfach hin, füge diese meine Accounts zu meinem Profil hinzu und NoseRub holt sich in regelmäßigen Abständen per RSS die Informationen über neue Inhalte. Diese werden dann übersichtlich kategorisiert in meinem Profil dargestellt und zu meinen Aktivitäten gebündelt. Will man sich mit anderen Leuten vernetzen, so gibt es dafür zwei Wege:

  1. Der Andere hat eine NoseRub-ID
    Das ist der einfache Fall, denn hier kommt das ganze Potenzial von NoseRub zum Tragen. Per RDF-Schema (Stichwort: FOAF) wird sein Profil, sowie seine Aktivitäten-Accounts abgeholt und in der Folge regelmäßig bei mir Aktualisiert. So habe ich, genau wie meine Aktivitäten, auch seine bei allen eingetragenen Diensten immer im Überblick. Und wenn er etwas an seinen Diensten ändert, wird das ebenfalls automatisch bei mir aktualisiert.
  2. Der Andere hat keine NoseRub-ID
    Dann wird es leider umständlicher, vereinfacht aber immer noch vieles. An dieser Stelle kann ich in meinem Profil als Kontakt anlegen, seine mir bekannten Dienste hinzufügen und habe am Ende fast den gleichen Funktionsumfang, wie im ersten Fall. Nur um die Pflege der Dienste muss ich mich selber kümmern.

Soviel zur grauen Theorie. Mit dem Wissen konnte ich dann auch schon mehr mit dem System anfangen. Hilfreich für das Grundverständnis sind auch die beiden Videostreams bei noserub.com, die Tour wollte mein VLC-Player leider ums Verrecken nicht abspielen.

Grundsätzlich sind mir dann aber doch ein paar Sachen aufgefallen, die ich schmerzlich vermisse oder, vom Konzept her anders sehen würde. Die reiße ich jetzt auch mal kurz an:

  1. OpenID
    Meine NoseRub-ID soll wohl als OpenID fungieren können, das tut sie aber leider nicht. Bis dato ist an der Stelle Schluss, an der der Server, auf dem ich mich einloggen will, auf meinen NoseRub-Account zugreifen will. Normalerweise, schätze ich mal, sollte man sich da dann einloggen bzw. den Dienst autorisieren und dann automatisch wieder zum Dienst zurück geroutet werden. Passiert bei mir leider nicht. Ich sehe dann mein Profil und an der Stelle ist von der ursprünglichen Seite nichts mehr zu sehen. Gefunden habe ich dazu im Netz auch noch nix.
  2. Globale Suchfunktion
    Im Moment empfinde ich das Projekt noch so, als wäre jeder NoseRub-Server ein eigenes Social Network. Klar, man kann sich von außen mit den Mitgliedern vernetzen, aber man kann eben noch nicht über alle Server suchen. Das erschwert es doch sehr, bestimmte Leute zu finden, gerade wenn es nicht um einen spezifischen Namen, sondern um Interessen geht. Also das, was in den landläufigen Social Networks durch Gruppen ermöglicht wurde.
  3. Usergruppenmanagement
    Man muss ja nicht für jeden Freund spezifisch festlegen können müssen, welche Dienste er von einem sehen soll. Aber eine Gruppierung von Freunden mit entsprechend konfigurierbaren Zugriffsrechten wäre doch sehr wünschenswert. Diese Funktion ist aber wohl geplant.
  4. Nachrichtensystem
    Ja, ich weiß, das gibt es eigentlich und es wird per Email realisiert. Ich würde aber gerne im Profil erfahren, wenn ich eine neue Nachricht bekommen habe. Auch das könnte man theoretisch über IMAP-Überwachung realisieren, ich will aber erstens keine Email-Adresse extra für NoseRub anlegen und zweitens nicht bei jeder Spam-Mail, die den SpamAssassin überwindet, Meldung bekommen. Da wäre ein internes Direct-Messaging-System doch sehr wünschenswert.
  5. Administrationsoberfläche
    Das wurde im NoseRub-Blog schon thematisiert und ist tatsächlich eine Erweiterung, die ich sehr gerne hätte. Grundsätzlich spiele ich zwar gerne in Configs rum, gerade bei Webanwendungen ist es aber dann doch wesentlich komfortabler, eine Adminoberfläche zu haben.

Das wäre mal das, was mir spontan einfällt. Mehr wird sicherlich noch mit der Zeit kommen. Ich werde mich auf jeden Fall weiter mit der Sache beschäftigen, denn das System macht schon einiges wesentlich einfacher. Zumal – das ist mit der wichtigste Punkt – ich Herr über mein Profil bin. Man kann sein Profil nebst aller Freunde exportieren und auf einem anderen NoseRub-Server wieder importieren. So ist es relativ einfach, beispielsweise einen öffentlichen Dienst zu verlassen, wenn man ihm nicht mehr traut, und dafür z.B. seinen eigenen Server aufzusetzen.


2 Meinungen zu “NoseRub – Meine ersten Gehversuche mit dezentralen sozialen Netzwerken”

  1. localwurst sagt:

    Das heißt zusammenfassend: die waren zu faul, etwas eigenes zu implementieren und kakeln nur zusammen, was es sowieso schon gibt?
    Und: will man das wirklich? Anderen, Fremden, allen derart viel Information an die Hand geben?
    Klar… bleibt ja jedem selbst überlassen, was er in sein Profil einträgt; würde mich dennoch interessieren, wie lange es dauert, bis gewisse Innenminister sich für die Datenbanken dieser Social Networks zu interessieren beginnen…

  2. Thomas sagt:

    Oje, das wäre ja fast wieder einen Post wert. Irgendwie ist es unmöglich, das Thema in wenigen Worten zu erklären.

    Und: will man das wirklich? Anderen, Fremden, allen derart viel Information an die Hand geben?

    Genau das ist das Grundkonzept von NoseRub. Das man es nämlich nicht will und deshalb selbst Herr über seine Informationen sein will. Das ist die Stärke, dass du deinen Datensatz hosten kannst, wo du willst. Wenn du deinem Anbieter (z.B. Identoo) nicht mehr vertraust oder von vornerein Herr der Sache sein willst, setzt du dein eigenes NoseRub auf und verwaltest halt selber. Deinen kompletten Datensatz kannst du einfach per Export/Import komplett mitnehmen. Dann bist du in jedem Fall schonmal nicht mehr abhängig von AGB-/Datenschutzerklärungsänderungen und das Thema Datenverkauf los.

    Was Schäuble angeht: Man kann seine Daten auch verstecken. Also öffentlich sichtbar müssen sie nicht sein. Von daher, Herr Schäuble hätte sicherlich spätestens mit dem BVG ein Problem, wenn er oder seine Behörden sich die Daten mal eben spaßeshalber illegal besorgen. Und beim seriösen Anbieter sichert einen davor üblicherweise die Datenschutzerklärung. Muss halt jeder selbst wissen, was er von sich im Netz preisgibt. Ich passe da mittlerweile auch auf: StudiVZ beispielsweise bekommt immer weniger Daten. Auf der anderen Seite habe ich kein besonderes Problem damit, Namen und Adresse anzugeben, weil man sich die sowieso relativ unkompliziert über die DENIC holen kann. Und der Rest, der jedenfalls in meiner NoseRub-ID veröffentlicht wird, wird sowieso schon offen von mir veröffentlicht – nur eben nicht gebündelt, aber auch das zu bündeln ist nicht das größte Problem.

    Das heißt zusammenfassend: die waren zu faul, etwas eigenes zu implementieren und kakeln nur zusammen, was es sowieso schon gibt?

    So sieht es auf den ersten Blick aus, aber das ist es eigentlich nicht. Das Idealprinzip liegt darin, die einzelnen Aufgaben zu trennen. Mit dem Ziel, die persönlichen Daten nur noch auf einer Plattform zu hosten, nämlich in der NoseRub-ID, die du hosten kannst, wo du willst. Die restlichen Dienste (Imagehosting, Videohosting, Blog etc) kommen dann von anderen Anbietern und sind, im Optimalfall, so konzipiert, dass du nur noch deine NoseRub-ID (OpenID) brauchst, um sie zu nutzen. Keine persönlichen Daten mehr.

    Zweiter Punkt ist der, dass viele mittlerweile zahlreiche Freundschaftsnetzwerke über zahlreiche Plattformen pflegen. Erstens Redundanz, zweitens kompliziert, weil man in jedem der Netze in Gruppen ist, um die man sich vielleicht kümmert, wenn man dies machen will, muss man in Netzwerk A, wenn man das machen will, muss man in Netzwerk B etc. Das versucht NoseRub zu bündeln, indem die einzelnen Dienste auf ihre Grundfunktion reduziert werden: Ein Dienst für persönliche Daten und das Freundschaftsnetzwerk, ein anderer Dienst für Gruppen, ein anderer für Bild- und Videohosting etc. Macht die Sache um einiges einfacher, wenn sich die Dienste rund um NoseRub wirklich irgendwann so aufbauen.

    Im Moment ist es einfach nur praktisch, weil ich unkompliziert alle Dienste von Freunden auf einen Blick habe und mich nicht überall einloggen muss, um zu gucken, was es neues gibt. Da harre ich mal noch dem, was die Zukunft so bringen wird. Aber, wie gesagt, letztendlich muss jeder selbst wissen, welche Informationen er wie preisgibt. Der Vorteil eines solchen Systems ist eben, dass ich sie nur ein Mal preisgebe und auch nur an einer Stelle ändern/löschen muss, wenn ich sie nicht mehr preisgeben will.

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