Kram von Juli 2015

Wenn der Postmann nicht mehr klingelt

Donnerstag, 23. Juli 2015

Zugegeben, der Titel ist etwas überspitzt. Auch in diesem Fall wird natürlich weiterhin ein Postmann – genauer Paketzusteller der DHL – klingeln, doch hier geht es eben um DEN Postmann. Und der wird voraussichtlich ab 4. August nicht mehr im 4500-Seelen-Dorf Worfelden – nicht ganz zufällig mein Heimatdorf – im beschaulichen Südhessen klingeln.

Nun könnte man sagen, wen juckt’s? Überall im Lande werden Paketzusteller versetzt. Und das mal außen vor, was interessiert mich die Randmeinung einer zwar erheblichen Gruppe innerhalb von 4500, doch es bleiben eben nur so wenige.

Um die Aufregung zu verstehen, muss man sich ein wenig mit der paketzustellerischen Geschichte Worfeldens befassen. Denn Helmut Becker – der zu versetzende Paketzusteller – ist hier nicht irgendwer. Der 56-jährige stellt nun seit 28 Jahren in Worfelden die Paketpost zu. Längst ist er ein fester Bestandteil der Dorfgemeinschaft. Ich persönlich kann mich an keinen anderen Paketzusteller erinnern; wen wundert’s, als er hier anfing, war ich gerade einmal sieben Jahre alt. Im Dorf kennt ihn an sich jeder als den immer freundlichen Postmann des Vertrauens, der er ist. Das geht so weit, dass ihm sogar Haustürschlüssel anvertraut werden, damit Pakete trotz Abwesenheit zugestellt werden können. Helmut Becker ist eben genau der Gegenentwurf zur zunehmend schlechten Presse, die sein Arbeitgeber in letzter Zeit immer häufiger erntet.

Unverständlich ist auch, weshalb sich die DHL in der Sache so quer stellt. Denn Becker soll keineswegs ans andere Ende der Welt oder gar in einen anderen Unternehmensbereich versetzt werden. Im Rahmen der Neustrukturierung der Zustellbezirke soll er in Zukunft im ~10km entfernten Mörfelden-Walldorf Pakete zustellen, den hiesigen Zustellbezirk übernimmt wohl ein bedauernswerter moderner Lohnsklave der DHL Delivery. Ein Tausch ist nicht möglich, so die Post, wieso, das bleibt unbeantwortet. Nachvollziehbar ist es nicht wirklich.

Bemerkenswert ist aber auch, dass die DHL – auch wenn die Sache noch so klein ist – scheinbar um jeden Preis keine positive Presse ernten will. Hier könnte man mit einer, wie ich finde, einfachsten Maßnahme für gute Laune sorgen. Die Geschichte expandiert zunehmend aus dem Lokalen ins Überregionale – neben dem Hessischen Rundfunk und Hit Radio FFH berichten auch zahlreiche landesweite Zeitungen und Magazine, wie Stern, Focus, WELT und BILD (Schande über mich, eine Verlinkung). Bürger Worfeldens haben bereits zwei Kundgebungen mit jeweils 200+ 200-500 (Korrektur nach Einschätzung der hessenschau) Teilnehmern abgehalten, 2000 Unterschriften wurden für den Verbleib Beckers im Dorf gesammelt (wohlgemerkt von ~4500, von denen ein Teil noch, ein anderer nicht mehr schreiben kann). Becker selber ist bescheidener und zutiefst gerührter Gast auf den Kundgebungen, erntet aber von der Post nur Androhungen disziplinarischer Maßnahmen, wohl weil auch er in dieser Sache mit der Presse spricht.

Nach der heutigen Kundgebung, zu der auch Bürgermeister Andreas Rotzinger und MdEP Arne Gericke als Redner erschienen, hofft man in Worfelden weiter auf ein Einlenken oder wenigstens Gesprächsbereitschaft der Post. Nach deren bisherigem Gehabe zur Sache, ist die Hoffnung allerdings nicht besonders groß. Gespannt ist man trotzdem. Vielleicht bemerkt die Presseabteilung der Post ja doch noch, dass man hier ganz leicht ziemlich gute Presse in eigener Sache machen könnte. Vielleicht weiß man da aber auch schon gar nicht mehr, was das eigentlich ist.

Worfelden wird Helmut Becker jedenfalls nicht unbemerkt ziehen lassen; den Postmann, der in manchen Häusern nicht einmal klingeln musste und der ab 4. August in Worfelden wohl gar nicht mehr klingelt.

Übersehene Lehren aus der Eurokrise: 2. Pressefreiheit ist nicht nur ein Recht

Freitag, 10. Juli 2015

Wenn man eines an der gesamten Eurokrise wunderbar aufzeigen kann, dann das wirklich schändliche Versagen der Presse als vierte Gewalt und welche erschreckenden Folgen sich daraus ergeben.

Angeführt durch die Springer-Gruppe sind spätestens seit der Wahl von Syriza quasi alle Leitmedien – egal ob Print, Online oder TV – auf den Anti-Kurs aufgesprungen. Unter dem Siegel des Grundrechts „Pressefreiheit“ wurde ein ganzes Volk zu faulen, schmarozenden Noch-Europäern höchstens zweiter Klasse degradiert. Differenzierte Nachrichtenbeiträge oder Kommentare fristeten plötzlich ein Schattendasein. Alleine an den Userkommentaren bei den Onlinemedien hätte man schon früh erkennen können, dass man ein Gespenst herauf beschwört, das hierzulande aus gutem Grund seit 70 Jahren weggesperrt war.

Dabei war es vollkommen gleichgültig, wem eigentlich mit Steuermilliarden der Hintern gepampert wurde (hauptsächlich nicht-griechischen Banken), wer hauptsächlich für die fehlgeleitete Politik in Griechenland verantwortlich war (vor allem die konservativen und sozialdemokratischen Brüder-im-Geiste-Regierungen unserer Regierungsparteien der letzten Jahrzehnte und nicht Syriza) und, vor allem, dass es am Ende des Tages vollkommen egal ist, wer an was Schuld hat, wenn plötzlich ein großer Teil eines Landes vollkommen verarmt. Das Mantra, Griechenland wäre das einzige Krisenland, in dem die Austeritätspolitik nicht funktioniert hätte und das müsse natürlich an den faulen, schmarozenden Griechen liegen, hält sich ja bis heute.

Fakt ist, alle Euro-Länder, die in die Krise gerutscht sind, haben bis auf Griechenland zwar positive Bilanzen, dafür aber plötzlich mindestens 20% Arbeitslosenquote mit wesentlich höherer Jugendarbeitslosenquote. Fakt ist auch, alle Länder, die unter den EFSF geschlüpft sind, haben nur positive Bilanzen, weil die EZB mit ihrer Geldpolitik dafür sorgt. Nähme man die EZB aus der Rechnung raus, wären diese Länder genauso am Ende, wie es Griechenland ist.

Darüber differenziert aufzuklären wäre eigentlich Aufgabe der Presse. Die Pressefreiheit ist nicht grundlos ein Grundrecht. Das ist wichtig, damit der demokratische Meinungsbildungsprozess funktionieren kann. Pressefreiheit wird aber dann unheimlich gefährlich, wenn die Presse nicht mehr differenziert oder, wie es die Springer-Gruppe spätestens seit Anfang des Jahres tut, rechtspopulistisch berichtet. Dann ist der Weg frei für menschenverachtende Meinungsmache (ja, man könnte es Volksverhetzung nennen). Dann ist der Auftrag, der mit der Pressefreiheit verbunden ist, schlimmstmöglich verfehlt. Und dann wird die Presse extrem gefährlich.

Edit: Das moralisch Schlimmste ist übrigens, dass Tsipras jetzt auch noch dafür kritisiert wird, dass er mit dem Reformvorschlag das Referendum quasi ad absurdum führt. Nachdem man monatelang daran gearbeitet hat, ihn in eine Position zu bringen, in der er gar nichts anderes mehr machen kann. Sicher hat Syriza auch viel falsch gemacht, ich habe selber oft genug verständnislos mit dem Kopf geschüttelt. Aber ihm jetzt scheinheilig vorzuwerfen, dass er das Referendum weitestgehend missachtet, weil er dazu gezwungen wird, ist das unterste, zu dem „unabhängige“ Presse noch greifen kann. Absolut widerlich!

Übersehene Lehren aus der Eurokrise: 1. Die Transferunion

Dienstag, 07. Juli 2015

Immer diese Bäh-Wörter. In diese Kategorie fällt wohl, neben dem Super-Bäh-Wort „Schuldenschnitt“, auch die Transferunion. Warum sollten wir fleißigen Deutschen auch für die faule Südeuropäer aufkommen? So oder so ähnlich würde dieser Tage wohl meine Bewerbung bei „einem großen, deutschen Boulevardmagazin“ (O-Ton @ARD_BaB vom 05. Juli 2015) aussehen, wenn ich nicht noch ein winziges bisschen Reststolz hätte.

Trotzdem, die Krise um Griechenland lehrt uns, was schlaue Menschen schon in der Vergangenheit propagierten: Die EU, resp. die Euro-Gruppe, kann ohne Transferunion nicht funktionieren. Und, verdammt nochmal, ich muss nicht VWL studiert haben, um zu verstehen, warum das tatsächlich so ist.

Transferunionen sind allgegenwärtig, wo einzelne Wirtschaften sich zusammen schließen. In Deutschland heißt das Länderfinanzausgleich. Und der ist wichtig. In einer Währungsunion gibt es immer wirtschaftlich stärkere und schwächere Regionen. Die stärkeren profitieren von den schwächeren, denn die Importe der Letzteren sind die Exporte der Ersteren. Bezogen auf die EU ist Deutschland als Exportweltmeister der wirtschaftliche Schädling schlechthin für die schwächeren Länder, denn unser Gewinn wird u.a. genau von denen bezahlt. In einer Wirtschaftsunion in der Größe der EU kann schlichtweg nicht jeder Teilnehmer mehr ex- als importieren. Es existiert eine Menge X an Geld, um die konkurrieren die einzelnen Volkswirtschaften resp. Länder. Und wir sind nunmal gut aufgestellt und greifen einen Großteil davon ab.

Wollen wir ein Europa, das solidarisch zusammensteht, brauchen wir die Umverteilung. Wir müssen die volkswirtschaftlich schwächeren Länder der Euro-Gruppe mit unserem Gewinn stärken, um als kontinentaler Verbund stark zu bleiben.

Gewinn, Wettbewerb und Wachstum sind nicht alles. Vor allem dürfen sie in einem Friedensprojekt, das die EU mal sein sollte, nicht alles sein. Werden sie es doch, ist die EU nur noch ein plumpes Freihandelsabkommen, das den starken Exportländern auf Kosten ihrer sog. Partner zu ihrem Gewinn nutzen soll. Das kann langfristig keinen Frieden sichern.

Europa am moralischen Abgrund

Samstag, 04. Juli 2015

Am Sonntag ist es also soweit. Das Volk eines EU-Mitgliedsstaates wird de facto über das grundlegende Werteverständnis des Miteinanders in der Eurogruppe bzw. der EU abstimmen. Und, man möge es glauben oder nicht, das ist auch schon ziemlich lange mal nötig, denn die Schuldenkrise Griechenlands zeigt nicht nur auf, wer in der EU mittlerweile das Zepter übernommen hat, sie zeigt auch den moralischen Verfall innerhalb der EU auf beschämendste Weise auf. Vom ursprünglichen Friedensprojekt Europa ist nur noch ein sterbender Rest übrig, die EU hat sich zum buckelnden Steigbügelhalter von Finanzindustrie und Lobbygruppen entwickelt.

Betrachtet man den ganzen Verhandlungsprozess über das vermeintliche Rettungsprogramm seit Syriza gewählt wurde, zeichnet sich ein Armutszeugnis für die EU ab. Am 26.01.2015 wurde Alexis Tsipras als Ministerpräsident vereidigt. Normalerweise folgen nun die berühmten 100 Tage, die eine neue Regierung in Ruhe gelassen wird. Man muss sich ja erst einmal einarbeiten. Und wenn man so radikal unterschiedliche Vorstellungen zu den Vorgängerregierungen hat, müsste man auch erst einmal viel Zeit und Arbeitskraft aufwenden können, um das Land gemäß seinen Idealen umzukrempeln. Immerhin hat Tsipras es geschafft, in Rekordzeit sein Kabinett aufzustellen und damit grundsätzlich regierungsfähige Verhältnisse zu schaffen. Gut, über den Koalitionspartner darf man die Nase rümpfen, aber das ist eine andere Geschichte.

Doch zurück zu den 100 Tagen – von denen blieb nämlich nichts übrig. Schon am selben Tag wurde quer durch die europäische Bank lautstark verkündet, dass Griechenland sich gefälligst weiter an die Sparauflagen zu halten habe. Das natürlich in dem Wissen, dass Syriza genau dafür nicht gewählt wurde – und das aus gutem Grund. Denn auch wenn die Auflagen des Rettungspakets letztendlich zu ein wenig Wachstum führten, der normale Grieche, der mittlerweile arbeitslos war, hatte davon wenig.

Gleichzeitig stieg die Presse ein, hierzulande vor allem die Springer-Gruppe. Das ging ja auch gar nicht, dass die genetisch faulen und korrupten Griechen da einfach eine Regierung wählten, die sich, trotz des rechten Koalitionspartners, auf internationalem Parkett wirklich links verortete. (mehr …)