Wenn der Postmann nicht mehr klingelt

Zugegeben, der Titel ist etwas überspitzt. Auch in diesem Fall wird natürlich weiterhin ein Postmann – genauer Paketzusteller der DHL – klingeln, doch hier geht es eben um DEN Postmann. Und der wird voraussichtlich ab 4. August nicht mehr im 4500-Seelen-Dorf Worfelden – nicht ganz zufällig mein Heimatdorf – im beschaulichen Südhessen klingeln.

Nun könnte man sagen, wen juckt’s? Überall im Lande werden Paketzusteller versetzt. Und das mal außen vor, was interessiert mich die Randmeinung einer zwar erheblichen Gruppe innerhalb von 4500, doch es bleiben eben nur so wenige.

Um die Aufregung zu verstehen, muss man sich ein wenig mit der paketzustellerischen Geschichte Worfeldens befassen. Denn Helmut Becker – der zu versetzende Paketzusteller – ist hier nicht irgendwer. Der 56-jährige stellt nun seit 28 Jahren in Worfelden die Paketpost zu. Längst ist er ein fester Bestandteil der Dorfgemeinschaft. Ich persönlich kann mich an keinen anderen Paketzusteller erinnern; wen wundert’s, als er hier anfing, war ich gerade einmal sieben Jahre alt. Im Dorf kennt ihn an sich jeder als den immer freundlichen Postmann des Vertrauens, der er ist. Das geht so weit, dass ihm sogar Haustürschlüssel anvertraut werden, damit Pakete trotz Abwesenheit zugestellt werden können. Helmut Becker ist eben genau der Gegenentwurf zur zunehmend schlechten Presse, die sein Arbeitgeber in letzter Zeit immer häufiger erntet.

Unverständlich ist auch, weshalb sich die DHL in der Sache so quer stellt. Denn Becker soll keineswegs ans andere Ende der Welt oder gar in einen anderen Unternehmensbereich versetzt werden. Im Rahmen der Neustrukturierung der Zustellbezirke soll er in Zukunft im ~10km entfernten Mörfelden-Walldorf Pakete zustellen, den hiesigen Zustellbezirk übernimmt wohl ein bedauernswerter moderner Lohnsklave der DHL Delivery. Ein Tausch ist nicht möglich, so die Post, wieso, das bleibt unbeantwortet. Nachvollziehbar ist es nicht wirklich.

Bemerkenswert ist aber auch, dass die DHL – auch wenn die Sache noch so klein ist – scheinbar um jeden Preis keine positive Presse ernten will. Hier könnte man mit einer, wie ich finde, einfachsten Maßnahme für gute Laune sorgen. Die Geschichte expandiert zunehmend aus dem Lokalen ins Überregionale – neben dem Hessischen Rundfunk und Hit Radio FFH berichten auch zahlreiche landesweite Zeitungen und Magazine, wie Stern, Focus, WELT und BILD (Schande über mich, eine Verlinkung). Bürger Worfeldens haben bereits zwei Kundgebungen mit jeweils 200+ 200-500 (Korrektur nach Einschätzung der hessenschau) Teilnehmern abgehalten, 2000 Unterschriften wurden für den Verbleib Beckers im Dorf gesammelt (wohlgemerkt von ~4500, von denen ein Teil noch, ein anderer nicht mehr schreiben kann). Becker selber ist bescheidener und zutiefst gerührter Gast auf den Kundgebungen, erntet aber von der Post nur Androhungen disziplinarischer Maßnahmen, wohl weil auch er in dieser Sache mit der Presse spricht.

Nach der heutigen Kundgebung, zu der auch Bürgermeister Andreas Rotzinger und MdEP Arne Gericke als Redner erschienen, hofft man in Worfelden weiter auf ein Einlenken oder wenigstens Gesprächsbereitschaft der Post. Nach deren bisherigem Gehabe zur Sache, ist die Hoffnung allerdings nicht besonders groß. Gespannt ist man trotzdem. Vielleicht bemerkt die Presseabteilung der Post ja doch noch, dass man hier ganz leicht ziemlich gute Presse in eigener Sache machen könnte. Vielleicht weiß man da aber auch schon gar nicht mehr, was das eigentlich ist.

Worfelden wird Helmut Becker jedenfalls nicht unbemerkt ziehen lassen; den Postmann, der in manchen Häusern nicht einmal klingeln musste und der ab 4. August in Worfelden wohl gar nicht mehr klingelt.


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