Kram von August 2016

»Das ist ja jetzt so ’ne Masche von ›denen‹«

Donnerstag, 18. August 2016

Eigentlich ist dieses Blog ja unverkennbar ziemlich eingeschlafen. Eigentlich wartet es auch schon lange darauf, abgeschaltet zu werden. Eigentlich ist da auch schon lange ein Nachfolger geplant, mit deutlich gelegentlicherem Konzept. Also warum hier mal wieder was posten? Die Antwort ist doof, aber simpel: Weil es nötig ist und der Nachfolger halt noch nicht existiert.

Gestern war ich beim Open-Air des hr-Sinfonieorchesters in Frankfurt. Eine beinahe rundum gelungene Veranstaltung mit hervorragenden Musikern, gemütlichem Publikum und ganz ohne Dresscode. Doch eine Szene, für die die Veranstalter und Mitwirkenden natürlich nichts konnten, trübte mir das Vergnügen. Und nachdem die meine Hirnwindungen heute immernoch beschäftigt, darf die Welt ausführlicher als auf Twitter an ihr teilhaben.

Ich hatte meinen Platz am Bahndamm gefunden, um mich herum gemütliches Publikum. Neben mir ein geschätzt 11 bis 13-jähriger Junge in Begleitung eines Erwachsenen. Soweit kein Problem, die Stimmung war gut. Der Junge ging zwischendurch spielen, tat halt, was alle Kids in dem Alter so machen. Als der Beginn der Konzerte näher rückte und das Veranstaltungsgelände schon ziemlich gut gefüllt war, ging sein Begleiter Getränke holen, der Junge sollte auf den Sitzplatz aufpassen.

Viel Zeit verging nicht, da bahnte sich ein Mann im gehobenen Alter seinen Weg zu dem gerade freien Fleckchen Grün und machte sich daran, es zu besetzen. Der Junge wies ihn wirklich freundlich darauf hin, dass der Platz besetzt sei – was man durchaus auch an dem zurückgelassenen Sitzkissen hätte erkennen können. Der Mann begann zu diskutieren: Er sehe hier aber niemanden, der Platz sei aber jetzt frei, kurzum, der Junge habe Pech gehabt, er werde sich jetzt hier hin setzen. Im Laufe des »Gesprächs« wurden zwei Dinge deutlich: Der Junge wusste sich bald nicht mehr zu helfen (und blieb trotzdem freundlich), der Herr glaubte ihm kein Wort, weiter noch, er sah in ihm niemanden, den er ernst nehmen müsste.

An dem Punkt wurde es mir dann zu bunt und ich bin dem Jungen zur Seite gesprungen, denn aus dem, was der Herr so von sich gab, wurde bis dahin schon recht deutlich, warum genau er den Jungen nicht ernst nahm. Das Problem: Der Junge war vieles – nett, höflich, unaufdringlich, kurzum, ein gut erzogenes Kind – aber wirklich alles andere als weiß.

Ich bestätigte ihm merklich genervt, dass der Junge tatsächlich in Begleitung unterwegs ist und ebendiese gerade Getränke hole. Das schien wenigstens halbwegs zu wirken, denn der Mann stockte in seinem Besetzungsbemühen. Natürlich aber nicht, ohne sich zu der Rechtfertigung zu entblöden:

»Das ist ja jetzt so ’ne Masche von ›denen‹.«

Rückblickend betrachtet hätte ich ihn an der Stelle wahrscheinlich argumentativ stellen sollen. Wer genau sind denn seiner Meinung nach ›die‹? Wenn’s ans ausgesprochene Farbe bekennen geht, wird das besorgte Volk [!sic] ja oft recht kleinlaut. Welche Masche denn überhaupt? Weltmeister im Plätze zur Unzeit mit Gegenständen reservieren ist doch eigentlich eher sein Milieu. Wie moralisch überlegen ist es eigentlich, ein Kind, dass sich kaum zu wehren weiß, offenbar nur weil es die falsche Hautfarbe hat, wegen eines beschissenen Sitzplatzes mit mäßiger Sicht auf die Veranstaltung, dermaßen respektlos zu behandeln? Wo gerade seine Generation doch so gerne die Verrohung der Jugend beklagt.

Hätte ich vielleicht machen sollen. Habe ich aber nicht. Stattdessen habe ich ihm recht deutlich an den Kopf geworfen, dass er idiotischen Rassismus von sich gibt und sich verziehen soll. Warum? Weil ich es erstens sowas von Leid bin, Arschlöchern dieser Sorte ihre kleine Welt zu erklären. Es nervt tierisch und fordert mir viel zuviel Zurückhaltung ab, wenn sie dann auch noch versuchen, ihr Verhalten zu ›rechtfertigen‹. Und zweitens kann ich Konfrontationen der Art überhaupt nicht ab. In meiner kleinen Welt existiert für die keine Notwendigkeit. Da lässt man seine Mitmenschen in Frieden. Und auf Kinder geht man schonmal gar nicht los. Erst recht nicht, wenn sie einem so offensichtlich unterlegen sind. Ist schön in meiner kleinen Welt. Dumm nur, dass ich die zwischendurch verlassen muss und dann natürlich immer irgendwelchen Dummbeuteln begegne.